Kirche ist das Fundament unserer Kultur

(Interview mit Detlef Pollack, Universität Münster; www.evangelisch.de)

Wie würden Sie das Kirchenverhältnis der westdeutschen Bevölkerungsmehrheit beschreiben?

Pollack: Die Haltung ist wohlwollend-distanziert. Kirche gehört für sie dazu. Sie soll im Dorf bleiben. Sie repräsentiert für sie das Fundament unserer Kultur. Und sie soll besonders für die Schwachen, Alten und Kranken da sein. Zwar ist diese Mehrheit nicht besonders kirchenkritisch, aber sie betont die religiöse Selbständigkeit der Menschen. Man schätzt es nicht, wenn die Kirche autoritär und staatsnah auftritt, sich bürokratisch verhält oder sich als reich präsentiert. Hohe Sympathie genießt die Kirche, wenn sie nahe beim Volk ist. So ist es in ganz Westeuropa.

Welches Verhältnis zur Kirche hat die konfessionslose Mehrheit in Ostdeutschland?

Pollack: Da hat die religionsfeindliche Politik der SED gründliche Arbeit geleistet: Viele Ostdeutsche haben überhaupt kein Verhältnis mehr zur Religion. Weil nur wenige von ihnen Berührungen mit Religion und Kirche haben, sind sie nicht so kirchenkritisch wie viele Konfessionslose in Westdeutschland. Aber zugleich haben sie auch weniger Verständnis für religiös eingestellte Menschen. […]

Wagen Sie eine Zukunftsprognose: Wie werden sich die evangelischen Landeskirchen Deutschlands in 30 Jahren entwickelt haben, falls der bisherige Trend anhält?

Pollack: Seit der Wiedervereinigung hat sich der Entkirchlichungsprozess noch einmal verstärkt: Es ist jetzt auch im Westen fast normal, nicht zur Kirche zu gehören. Vor allem beim Kirchenverhältnis jüngerer Menschen stellen wir inzwischen erdrutschartige Abbrüche fest: Sie beten weniger als die Älteren. Sie gehen noch weniger zur Kirche. Sie haben weniger Vertrauen in diese Institution. Ihre Bereitschaft, die eigenen Kinder religiös zu erziehen, ist ebenfalls geringer geworden.

Besteht nicht die Hoffnung, dass diese Leute zur Kirche zurückfinden, wenn sie älter werden?

Pollack: Es ist nicht ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich, dass Leute zum Glauben und zur Kirche finden, wenn sie nicht schon in der Kindheit und Jugend herangeführt wurden und es eingeübt haben, zum Gottesdienst zu gehen, zu beten oder auch mal in der Bibel zu lesen. Die evangelische Kirche wird wohl ihre Verankerung in der Breite der Gesellschaft mehr und mehr verlieren.  […]

Wie sollten die Kirchen und Gemeinden auf diese gewaltige Herausforderung reagieren?

Pollack: Sie sollten weder dem Zeitgeist nachlaufen noch sich völlig dagegen sperren. Die zentrale Frage sollte nicht sein, womit wir viele Menschen gewinnen. In unseren Inhalten dürfen wir uns nicht von der Entwicklung abhängig machen. Entscheidend ist, dass die Kirche eine solide theologische und geistliche Arbeit macht. Wichtig ist es auch, in der Fläche gut präsent zu bleiben. Aber die breite Angebotspalette aufrecht erhalten zu wollen, wäre verheerend. Das ist nicht zu leisten. Die Kirche sollte behutsam ihr Profil schärfen und in ihrer Arbeit Schwerpunkte setzen. […]

Mit welchen Pfunden wird die Kirche weiter wuchern können?

Pollack: Die Kirche ist stark im Bereich Familie. Und auf diesen Bereich wird es enorm ankommen, denn die religiöse Sozialisation geschieht hauptsächlich in den Familien. Hier sollte die Kirche verstärkt ansetzen. Das bedeutet: kirchliche Schulen und Kindergärten ausbauen, die Taufbereitschaft junger Eltern fördern, Familiengottesdienste stärken! Der Weihnachtsgottesdienst ist auch deshalb so gut besucht, weil Weihnachten für viele vor allem ein Familienfest ist. Angebote, die Familien anziehen, sollten ein Schwerpunkt kirchlicher Arbeit sein.

Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster

 

Zu den Ergebnissen des Bertelsmann-Religionsmonitors 2013.

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