Wer zieht in den Dschihad und warum?

(Nach: Michael Kiefer, Die Selbsterhöhten, Das Parlament 13.4.2015)

Wer zieht in den Krieg? Welche Motive haben die Ausreisenden? [...]

Zumindest die erste Frage kann aufgrund der mittlerweile vorliegenden Erkenntnisse einigermaßen befriedigend beantwortet werden. Polizeidaten, Geheimdienst-erkenntnisse aber auch Berichte aus Schule und Jugendhilfe zeigen, dass es überwiegend Männer sind, die sich als Kämpfer dem neuen „Kalifat“ andienen. In Deutschland waren bis Juni 2014 von 378 ausgereisten Personen 89 Prozent Männer. Die meisten von Ihnen waren zwischen 16 und 29 Jahre alt.

Die Bildungshintergründe der selbsternannten [Kämpfer] sind heterogen. Viele verfügen nur über eine niedrige schulische Bildung. Es gibt aber auch Studenten und Akademiker, die sich zur Ausreise entschlossen haben. [...] Manche wählen die Radikalisierung aus freien Stücken.

Auch die Religionszugehörigkeit der Ausgereisten lässt keine eindeutigen Aussagen zu. Neben Muslimen finden wir Angehörige anderer Religionen, die in diese krude Form eines selbstgebastelten Islams „konvertiert“ sind. Viele muslimische Kämpfer waren vorher wenig religiös und kommen aus Familien, die nicht regelmäßig die Moschee besuchen. [...]

Eindeutige Aussagen zu den Faktoren und Verläufen von Radikalisierung sind gleichfalls nicht möglich. [...] Für die Präventionsarbeit brauchbare Forschungsergebnisse sind frühestens in ein oder zwei Jahren zu erwarten. Ungeachtet der vorhandenen Forschungslücken können die Attraktivitätsmomente des IS einigermaßen treffend beschrieben werden.

Einer der wirksamsten Mobilisierungsfaktoren ist eine [endzeitliche] Vision, die von der hochprofessionellen IS-Propaganda seit knapp zwei Jahren verbreitet wird. Im Zentrum der Erzählung, die sich auf einen Hadith (die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed) stützt, steht die kleine syrische Ortschaft Dabiq unweit von Aleppo. Dort werde eine der größten Schlachten zwischen den Muslimen („den besten Leuten der Erde“) und den Kreuzzüglern stattfinden. Anschließend begänne die Eroberung von Konstantinopel und Rom. Im Kontext der Dschihadpropaganda wird der Krieg in Syrien damit zu einer endzeitlichen Mission, an der sich jeder aufrechte Muslim beteiligen muss. Das Mobilisierungspotenzial dieser Endzeitphantasien, die über Filme und Magazine im Internet verbreitet werden, kann kaum überschätzt werden.

Verstärkt wird die Mobilisierung durch weitere Faktoren, die in der kompakten Weltsicht des IS angelegt sind. An erster Stelle können hier eine Reihe von psychosozialen Effekten angeführt werden.

Die krude Ideologie des IS ermöglicht ihren Anhängern zunächst den Akt der Selbsterhöhung. Möglich wird dieser auf der Grundlage einer [schwarz-weißen] Weltsicht, die ausschließlich zwischen „Gläubigen“ und „Ungläubigen“ zu unterscheiden vermag. Selbstredend steht der „Gläubige“ auf der ultimativ richtigen Seite und damit über all jenen, die nicht der Ideologie des IS zu folgen vermögen. Verbunden hiermit ist oftmals der Akt einer umfassenden Selbstermächtigung. In „göttlicher“ Mission kämpfend, kennen Kombattanten des IS keine Grenzen. Selbst kaum beschreibbare Gewaltexzesse wie Massenhinrichtungen von Kriegsgefangenen und Gräuel an der Zivilbevölkerung scheinen statthaft. Damit entwickelt der Krieg in Syrien und Irak auch eine Sogwirkung auf jene zwielichtigen Gestalten, die ihre [...] Gewaltphantasien ausleben möchten.

Ein weiteres, bislang wenig untersuchtes Phänomen kann mit dem Begriff der Hypermännlicheit bezeichnet werden. Nahezu alle Propagandaprodukte des IS, die vom Al-Hayat-Media-Center produziert werden, zelebrieren den gut aussehenden und lässig gestylten Kämpfertyp, der selbst in extremen Gefechtssituationen eine „gute Figur“ macht. Anschauungsmaterial hierfür liefert in Fülle das Magazin DABIQ, das bislang in sieben Ausgaben erschienen ist oder die Filmproduktion „Flames of War“. Hier sind in langen Zeitlupeneinstellungen schwarz gekleidete junge Männer mit Bärten und schulterlangem Haar zu sehen, die ohne Mühe den Druckwellen schwerer Mörsergranaten standhalten. Angesichts dieser Bilder ist es wenig verwunderlich, dass in den sozialen Netzwerken der Neosalafisten die Kämpfer des IS als „Löwen“ und „Helden“ gefeiert werden.

Gleichfalls ein bedeutsames Mittel in der Rekrutierungsstrategie der IS-Unterstützer in Europa ist das Versprechen von Kameradschaft und „guter“ Gemeinschaft. Die Gruppenzusammenhänge der Unterstützerszene bieten ein Gefühl der Gleichheit in einer multiethnischen Gruppe. Darüber hinaus bietet das Gemeinschaftsleben Anerkennung und Respekt. Niemand fragt nach dem Vorleben oder Stationen des individuellen Scheiterns. Menschen, die sich dem IS anschließen, [...] beginnen ein neues Leben. [...]

Dr. Michael Kiefer ist Islamwissenschaftler, er arbeitet beim Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück

Quelle: Das Parlament Nr. 16 / 13.04.2015.