Islam und Gewalt haben sehr wohl miteinander zu tun

(Aus: Interview mit Ednan Aslan, Kölnische Rundschau, 4. Februar 2015)

Kölnische Rundschau: Sie sind selber Muslim. Was denken Sie, wenn Terroristen in Ihrem Namen morden?

Aslan: Die Bilder aus der Charlie-Hebdo-Redaktion oder die Enthauptungsvideos schockieren mich persönlich. Aber ich denke in den Momenten auch an jene Studien des islamischen Rechts, die die Grundlagen für solche Anschläge bilden und immer noch an vielen theologischen Fakultäten der islamischen Welt vermittelt werden.

KR: Heißt es nicht, dass der Islam eine friedliebende Religion sei?

Aslan: Ich verstehe Leute nicht, die die Position vertreten, die Gewalttaten hätten nichts mit dem Islam zu tun. Sie haben sehr wohl etwas mit dem Mainstream-Islam zu tun! In den Vorschriften der vier prägenden Rechtsschulen, von den Sunniten bis zu den Schiiten, heißt es, man muss jene töten, die Gott und seinen Gesandten beleidigen. In Saudi-Arabien gibt es jede Woche auf ordentlicher Rechtsgrundlage Auspeitschungen und Enthauptungen. Es gehört nur zur Doppelmoral westlicher Politiker, auch Angela Merkel, solche Zustände etwa in Syrien oder im Irak anzuprangern, nicht aber in Riad. Man macht sogar noch Geschäfte mit Saudi-Arabien. Mit diesem Widerspruch kann ich kaum leben.

KR: Gibt es andere Beispiele?

Aslan: Die Tötung von Homosexuellen wird in jedem Rechtsgrundwerk des Islams gefordert. Es heißt, man solle sie von einem Berg stoßen. Wenn in diesen Tagen Homosexuelle von Hochhäusern in Syrien geschmissen werden, dann werden dort genau diese tradierten Rechtsvorschriften in die Praxis umgesetzt. Der IS könnte seine Geiseln mit den modernen Maschinengewehren erschießen, die er hat - stattdessen kommt es zu Enthauptungen mit dem Messer. Warum? Weil auch die IS-Männer glauben, eine alte Tradition des islamischen Rechts wiederzubeleben. Es ist also höchste Zeit, dass sich muslimische Theologen kritisch mit ihrer Lehre auseinandersetzen. Man kann Leute nicht als Barbaren beschuldigen, wenn sie bloß das Recht, das sie inhaliert haben, in die Praxis umsetzen.

KR: Viele Muslime distanzieren sich von diesen Gewalttaten.

Aslan: Es ist auch nicht mein Islam. Aber nochmals: Attentäter sind sehr überzeugte Muslime. Sie nehmen in Kauf, dass sie für das, was sie tun, sterben werden. Wenn uns dieses Verständnis stört, dann sollten wir Muslime uns energisch mit diesem Verständnis auseinandersetzen. Diese Theologie wird nämlich gepredigt und von der Mehrheit der Muslime vertreten, auch wenn diese Mehrheit sehr viel fortschrittlicher ist als ihre Theologie.

KR: Wo wird der Islam als Theologie der Gewalt denn gelehrt?

Aslan: Überall! Im Jemen, in Saudi-Arabien, Pakistan und zum Teil auch in der Türkei. Da die rund 2000 Imame, die in Deutschland arbeiten, obendrein nahezu alle islamischen Organisationen wie DITIB, Milli Görüs, die Kulturvereine, zum größten Teil aus dem Ausland gesteuert werden, können sie sich dieser Theologie kaum widersetzen. Sie können ihre Rolle nicht überstrapazieren. Und das macht mir Angst, das macht anderen Muslimen Angst: Dass wir den Islam bislang nicht europäisch prägen konnten.

KR: Wie könnte denn ein deutscher Islam aussehen?

Aslan: Entscheidend ist, dass die Theologie die gesellschaftlichen Verhältnisse und die heutige Lebenswirklichkeit erklären kann, so dass daraus kein Widerspruch zwischen Muslimen und Gesellschaft entsteht.

KR: Kann die Türkei als Brückenland zwischen den Religionen und Kulturen in dem Punkt Vorbild sein?

Aslan: Bei der Rolle der Türkei bin ich nicht optimistisch. Ich beobachte eine Salafisierung, eine Rückwärtsbewegung vieler türkisch-islamischer Fakultäten. Selbst an renommierten Universitäten wie Oxford, Cambridge und Harvard wird die Islamwissenschaft großzügig von den Golfstaaten finanziert - da haben die Kollegen keine Chance, etwas gegen die Lehre der Gewalt zu unternehmen. Ohne überheblich oder eurozentrisch klingen zu wollen, aber: Eine Reform, eine moderne, europäische Prägung des Islams kann nur im deutschsprachigen Raum etabliert werden - oder gar nicht. Es ist eine kluge Investition der Deutschen, in Erlangen, Frankfurt, Osnabrück, Tübingen und Münster inländische Imame auszubilden und so der Rekrutierung aus dem Ausland gegenzusteuern. Meine Prognose: Die deutschen Seelsorgerinnen und Imame werden bald besser und beliebter sein als die ausländischen. [...]

 

Dr. Ednan Aslan, geb. 1959 in der Türkei, ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.