Der Koran muss in seinem historischen Zusammenhang verstanden werden

(Aus: Interview mit Bülent Ucar, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Januar 2015)

FAZ: Warum berufen sich so viele Terroristen auf den Islam, Professor Ucar?

Ucar: Es gibt mehrere Gründe dafür, warum manche Muslime zu Terroristen werden. Das hat mit einem Gefühl der Ohnmacht in den internationalen Beziehungen zu tun, sicher auch mit sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Benachteiligung und Ausgrenzung. Außerdem sind Muslime religiöser als andere Menschen, auch wenn sie im Westen leben. Und unter diesen Muslimen gibt es wiederum Menschen, die sich auf problematische Textstellen in den Primärquellen des Islams und der Tradition beziehen, um im Namen des Islams Gewaltakte zu verüben.

FAZ: Sie meinen Passagen, in denen Mohammed seine Anhänger zum Krieg gegen die Ungläubigen aufruft?

Ucar: Man muss sich dafür zurückversetzen in die Verhältnisse auf der Arabischen Halbinsel im siebten Jahrhundert. Solange er in Mekka war, hat der Prophet vor allem Geduld und Frieden gepredigt. Zwei Drittel der Koranverse wurden dort offenbart. In Medina war die Situation anders. Die Muslime mussten auswandern, hatten ihren eigenen Stadtstaat gegründet und wurden angegriffen. Unter diesen Rahmenbedingungen haben sie zu den Waffen gegriffen, sich verteidigt und auch Präventivkriege geführt. Damals war Krieg der Normalzustand auf der Arabischen Halbinsel. Das schlägt sich in den Koranversen aus jener Zeit nieder.

FAZ: Und wie soll man als Theologe heute damit umgehen?

Ucar: Wir können diese Verse nicht wegradieren. Der Koran ist ein abgeschlossenes Schriftstück, man kann sich nicht einfach einen Koran basteln, der uns heute genehm ist. Das wäre bloß opportunistische Anbiederung. Diese Verse dürfen aber auch nicht für überzeitlich erklärt werden. Man versteht sie nur, wenn in der Auslegung die damaligen Rahmenbedingungen beachtet werden. Dass man religiöse Normen in ihrem historischen Kontext zu verstehen sucht, ist nichts Neues. Dieser Ansatz ist in den vergangenen Jahrzehnten aber verdrängt worden von einer Wortlautgläubigkeit, und zwar vor allem durch salafistische Strömungen. Darunter haben die islamische Theologie und Kultur enorm gelitten.

FAZ: Nennen Sie bitte ein Beispiel dafür, wie Sie vorgehen!

Ucar: Der Prophet fordert die Todesstrafe für Menschen, die sich vom Islam abkehren. Das ist heute noch herrschende Lesart der islamischen Rechtsschulen, egal ob sie sunnitisch, schiitisch oder salafistisch sind. Tatsächlich war es im historischen Kontext so: Damals sind fast alle Menschen, die sich vom Islam abwendeten, nach Mekka zurückgekehrt, um die Muslime zu bekämpfen. Deshalb galt die Abkehr vom Islam als Hochverrat im Krieg – und musste entsprechend bestraft werden. Darüber gibt es inzwischen wissenschaftliche Arbeiten. […]

FAZ: Die Terroristen berufen sich auf Mohammed. Sie wollen einen islamischen Staat errichten – nach seinem Vorbild. Was ist daran falsch?

Ucar: Der Prophet hat seinen Staat in Medina nicht durch Zwang, Gewalt oder Terror begründet. Er wurde eingeladen, die Stadt zu führen, und hat ein Abkommen mit den Juden und den Anhängern einer heidnischen Vielgötterei dort geschlossen. Übrigens ist ein Staat nicht schon deshalb islamisch, weil er sich so nennt. Heute ist es oftmals so, dass solche Staaten nur wenige islamische Werte verwirklichen. In den rechtsstaatlichen Demokratien haben Muslime viel mehr Freiheiten als in Saudi-Arabien, in Iran oder im sogenannten „Islamischen Staat“. Deshalb halten neunzig Prozent der hochreligiösen Muslime in Deutschland nach einer aktuellen Studie die Demokratie für die beste Staatsform.

FAZ: Lässt sich der Islam denn mit der modernen, aufgeklärten Welt vereinbaren, in der geistliche und staatliche Macht getrennt sind?

Ucar: Es stimmt: Der Prophet hat anders als Jesus einen Stadtstaat geführt, und auch seine Nachfolger waren immer Staatsoberhäupter. In der neueren Zeit sagen aber viele angesehene Theologen, dass die Religion nicht dazu da ist, den Staat zu islamisieren. Religionen sollen Menschen zu Gott führen. Gläubige Menschen prägen in Demokratien durch Wahlen ihren Staat mit. Der erste Justizminister der modernen Türkei und Theologe Seyyid Bey hat mustergültig begründet, warum Muslime heute keinen „islamischen Staat“ mehr brauchen. Wir beschäftigen uns also schon seit längerer Zeit mit diesen Fragen. […]

 

Prof. Dr. Bülent Ucar ist Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück