Eine vordemokratische, absolutistische, fundamentalistische Organisation

(Aus: Johannes Kandel, Die Ahmadiyya Muslim Jama’at, 2006)

Die Ahmadiyya sieht im Kalifat, d.h. in der Herrschaft eines weisen und gerechten Kalifen, der Gottes Gebote (die Scharia) konsequent umsetzt, das erstrebenswerte Ideal eines islamischen Staates. Ihre Vision ist die Durchsetzung der Herrschaft des Islam – weltweit – unter Führung eines ihrer künftigen Kalifen.

Auf ihrer Webseite versucht sie allerdings den Eindruck zu erwecken, dass der Kalif – ähnlich wie der Papst – nur ein „geistliches“ Oberhaupt“ sei […]. Das steht im Widerspruch zu ihren eigenen Aussagen. […] Der Vierte Kalif Mirza Tahir Ahmad erklärte: „Ein Studium des Heiligen Qur’an zeigt, dass [...] Religionen durch göttlich ernannte Reformer entstehen und wiederbelebt werden [...]. Dann geschieht es, dass die göttliche Vorsehung entscheidet, dass sie bereit sind, weltliche Macht zu übernehmen.“

Die wirkliche Herrschaft im islamischen Staat kommt nach Auffassung der Ahmadiyya allein Gott zu. In der Scharia, so heißt es in einer Schrift des Vierten Kalifen der Ahmadiyya Mirza Tahir Ahmad, seien „die essentiellen Richtlinien für die Gesetzgebung enthalten, und keine demokratisch gewählte Regierung kann diesen ausdrücklichen Willen Gottes ausschalten“ […]. Hier zeigt sich das vordemokratische, absolutistische Staatsverständnis der Ahmadiyya in aller Deutlichkeit. Jede Kritik am Kalifen wird nicht nur durch das Fehlen entsprechender Institutionen praktisch unmöglich gemacht, sondern auch noch durch ein typisch sektiererisches, jeden Einwand immunisierendes Argument erstickt. So schreibt Mustafa Sabet, dass bei möglichen Fehlentscheidungen des Kalifen in Bezug auf die Gläubigen „Allah selbst“ diese Fehler korrigieren und „ihre Konsequenzen zum Guten“ wende werde.

Die Ahmadiyya vertritt im Blick auf Menschenrechte und Demokratie Positionen, die, gemessen an kritischen innermuslimischen Diskursen zu diesen Fragen, ultraorthodox, ja fundamentalistisch sind. […] Die Ahmadiyya unterstreicht zwar die Gleichwertigkeit der Geschlechter vor Gott, begründet aber gleichzeitig aus Koran und Sunna eine rigide Moral des Gehorsams der Frau gegenüber dem Mann und der Geschlechtertrennung. […] Die Frau schuldet dem Mann jederzeit Gehorsam, auch in sexueller Hinsicht. Kommt sie ihren Pflichten nicht nach, besteht grundsätzlich ein Züchtigungsrecht des Mannes nach Sure 4,34 […].

Die Ahmadiyya achtet auf strenge Geschlechtertrennung und positioniert sich entschieden gegen die westliche Gesellschaft, die als sexbesessen und verderbt dargestellt wird […]. Sie unterstützt Abmeldungen von Mädchen vom Schwimm-, Sport- und Sexualkundeunterricht. Die Ahmadiyya achtet auf strikte Endogamie: Ahmadis dürfen nur Frauen aus der eigenen Gemeinde heiraten. Die Heirat mit einem Nicht-Ahmadi zieht den Ausschluss aus der Gemeinde nach sich. Ehen werden arrangiert, Mädchen von klein auf in der muslimischen Gehorsamskultur erzogen. Das Kopftuch gilt als selbstverständliche Bekleidungspflicht […].

Der „Djihad“ […] wird von der Ahmadiyya in Anlehnung an spiritualistische (sufistische) Traditionen in erster Linie als „Anstrengung“, „Bemühen auf dem Wege“ Gottes gedeutet. So unterscheidet man zwischen dem „kleinen Djihad“ als das Recht auf Selbstverteidigung und dem „Großen Djihad“ als moralisch-geistige Anstrengung, die eigenen Unvollkommenheiten und Leidenschaften zu bekämpfen. Dabei wird der Eindruck zu erwecken versucht, „Djihad“ sei erstens überwiegend spirituell zu begreifen und zweitens, wenn schon mit „Kampf“ assoziiert, ausschließlich defensiv, als Verteidigung des Islam zu verstehen […].

Fazit: Die Ahmadiyya ist religiös fundamentalistisch. Elemente ihrer Lehre, ihre Positionen zu Menschenrechten (insbesondere Frauenrechten), säkularem Staat, pluralistischer Demokratie, Trennung von Staat und Kirche, Religionsfreiheit sowie ihre autoritäre Binnenorganisation sind geeignet, Zweifel an ihrer „Rechtstreue“ zu wecken.

Wenn aus ihrer fundamentalistischen Grundhaltung das politische Ziel folgte, die pluralistische Demokratie zugunsten eines islamischen „Gottesstaats“ („hakimiyyat Allah“) zu überwinden und sie eine aktiv kämpferische Haltung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung einnähme, wäre die Organisation als „islamistisch“ einzuordnen. Das ist zur Zeit nicht erkennbar, so irritierend propagandistisch ihre missionarischen Aktivitäten (z.B. das 100-Moscheen-Projekt) auch erscheinen mögen. Solange die Ahmadiyya das Ziel einer friedlichen Missionierung der deutschen Gesellschaft verfolgt und der von ihr verkündete und gelebte Islam mit den fundamentalen Verfassungsprinzipien der rechtstaatlichen Demokratie in Einklang bleibt, geht von ihr keine Gefahr für die Demokratie aus. Es ist die Aufgabe aller zivilgesellschaftlichen Kräfte, sich in interreligiösen und interkulturellen Dialogen kritisch mit Zielen, Absichten und Aktivitäten der Ahmadiyya auseinanderzusetzen.

(aus: J. Kandel, Die Ahmadiyya Muslim Jama’at, in: EZW-Materialdienst 69, 2006, 292–302).