Verschiedenheit ist kostbar

(aus: Jonathan Sacks, Die Würde des Unterschieds)

Das Judentum verfügt über eine strukturelle Besonderheit, die derart verblüffend und tief ist, dass ihre beiden Tochter-Monotheismen Christentum und Islam von ihm zwar vieles übernahmen, aber dieses nicht: Es ist ein partikularistischer Monotheismus. Es glaubt an einen Gott, aber nicht an einen exklusiven Weg zur Erlösung. [...]

Der Gott der Israeliten ist der Gott der ganzen Menschheit, aber was er den Israeliten abverlangt, das verlangt er nicht von der ganzen Menschheit. [...]

Wie konnte eine solche Vorstellung entstehen und was besagt sie? Darauf möchte ich eine radikale Antwort vorschlagen. Gott, der Erschaffer der Menschheit, hatte mit der gesamten Menschheit einen Bund geschlossen, sich dann aber einem Volk zugewandt und ihm befohlen, anders zu sein, um die Menschheit zu lehren, Raum für Verschiedenheit zu schaffen.

Gott lässt sich zuweilen in anderen Menschen finden, und zwar solchen, die nicht so sind wie wir. Beim biblischen Monotheismus handelt es sich nicht um die Vorstellung, es gebe nur einen Gott und folglich nur ein Eingangstor zu Seiner Gegenwart. Im Gegenteil: Es ist die Vorstellung, dass sich die Einheit Gottes in den verschiedenen Formen der Schöpfung finden lasse. [...]

Die entscheidende Testfrage an jede Ordnung ist: Gibt sie Raum für das Anderssein? Anerkennt sie, dass Verschiedenheit kostbar ist? Das ist jetzt im globalen Zeitalter eine, ja vielleicht die zentrale Frage geworden. [...]

Ihr müssen wir uns stellen, wenn wir einen Zusammenprall der Kulturen verhindern wollen.

(Rabbiner Lord Jonathan Sacks, Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können, Gütersloh 2007 [englische Originalausgabe, London 2002: The dignity of difference. How to avoid the clash of civilizations], S. 81.92–93).