Fatwa, die

Rechtsgutachten, die dafür ausgebildete Gelehrte (mufti) erstatten, werden in der islamischen Welt mit dem arabischen Begriff „Fatwa“ (eigentlich: Meinung zu einer Rechtsfrage) bezeichnet.

Da die Muslime schon früh erkennen mussten, dass ihre wichtigsten Rechtsquellen, Koran und Prophetentraditionen (hadith), nicht in allen Fragen des zivilen und religiösen Lebens eine Antwort geben, entwickelten sich zwei weitere Quellen für die Rechtsfindung, der Konsens der Gelehrten (idjma') und der Analogienschluss (qiyas). […]

Schließlich müssen in der Gegenwart die unterschiedlichsten technischen (wie Radio und Fernsehen), medizinischen (wie Geburtenregelung oder Organspende), sozialen (wie die Stellung der Frau in modernen Industriegesellschaften) und politischen (wie die Bildung von Gewerkschaften oder die Rolle des Kommunismus) Entwicklungen auf ihre Übereinstimmung mit den Lehren des Islams hin überprüft werden.

Daher war und ist eine ständige Inanspruchnahme von Personen erforderlich, die durch ein oft lebenslanges Studium zur Erteilung von Rechtsgutachten befähigt sind. Dabei kann es sich um Männer oder Frauen handeln. Körperliche Gebrechen wie Blindheit hindern nicht an der Ausübung dieser Tätigkeit.

Derartige Gutachten können von Privatpersonen, aber auch von staatlichen Institutionen angefordert werden. In vielen juristischen Werken werden staatliche Autoritäten geradezu dringend aufgefordert, den Rat der Rechtsgelehrten bei ihren Entscheidungen zu suchen.

Aus dieser Forderung entwickelte sich zunächst im muslimischen Andalusien, aber dann auch in vielen anderen Staaten der islamischen Welt die Institution des Mufti-Amtes, das die Entscheidungen staatlicher Autoritäten auf ihre religiöse Unbedenklichkeit hin überprüfte. Private Rechtsgutachten werden von den Auftraggebern bezahlt. Die Angehörigen der institutionalisierten Mufti-Ämter erhalten ein staatliches Salär und befinden sich daher in einer gewissen Abhängigkeit von den Autoritäten, deren Handlungen sie überwachen sollen.

Die Verbindlichkeit und Autorität eines Fatwa ist im sunnitischen Islam abhängig von der Gelehrsamkeit und der Lebensführung des Muftis und der sozialen und intellektuellen Differenz zwischen diesem und dem Auftraggeber des Gutachtens. Falls der Auftraggeber mit dem Ergebnis des Gutachtens nicht einverstanden ist, ist er nicht daran gebunden und kann zu derselben Frage einen anderen Gutachter um Rat bitten. Privatpersonen holen auch dann ein Fatwa ein, wenn sie in juristischen Auseinandersetzungen überprüfen wollen, ob sie bei einer richterlichen Entscheidung vor einem Gericht, die sie akzeptieren müssen, obsiegen werden. Falls sie damit nicht rechnen können, haben sie die Möglichkeit, eine gütliche Einigung mit ihren Gegnern herbeizuführen.

Im schiitischen Islam besteht dagegen ein starkes Autoritätsverhältnis zwischen dem Mufti und dem, der ihn um Rat fragt. Hat ein Schiit einmal einen Gelehrten in einer religiösen oder zivilen Frage um einen Rat gebeten, so muss er dessen rechtliche Entscheidung auch befolgen und sich auch bei allen zukünftigen Fällen an ihn wenden. Diese Regelung hatte zur Konsequenz, dass in der schiitischen Welt eine deutlich strukturierte religiöse Hierarchie entstanden ist.

Peter Heine, Art. Fatwa, in: ders. (u.a.), Islam-Lexikon A–Z, Freiburg 2006, 196–197

Unten auf der Seite findet sich ein wissenschaftlicher Artikel, der gut in das Thema einführt (auf Englisch).