Mitschrift: Islamischer Religionsunterricht

Religionen im Gespräch 4, 2012

Gäste:
Annett Abdel-Rahman, Religionslehrerin, Lehrbeauftragte für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück, Mitglied im Vorstand der Schura Niedersachsen und im Beirat für den Islamischen Religionsunterricht, Hannover
Prof. Dr. Friedhelm Kraft, Rektor des Religionspädagogischen Instituts der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Loccum
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers.

Herzlich Willkommen zum vierten Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem Thema: „Endlich am Ziel? Gegenwart und Zukunft des islamischen Religionsunterrichtes“.

Seit gut dreißig Jahren fordern Muslime, dass es in Deutschland ordentlichen islamischen Religionsunterricht geben sollte. Lange Zeit wollte das in der Politik niemand so recht hören. Dann, nach dem September 2001, ging es schnell. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass es gut wäre, islamischen Religionsunterricht in den Schulen zu erteilen. Also strickte man einen Modellversuch und dachte über all die Dinge nach, die nötig sind, um in Zukunft ordentlichen islamischen Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen in Niedersachsen möglich zu machen. 

Etwa zehn Jahre läuft dieser Modellversuch jetzt, mittlerweile an mehr als vierzig Grundschulen in Niedersachsen. Und nun endlich, so hat es der Kultusminister angekündigt, sind wir in der Lage, demnächst ordentlichen Religionsunterricht zu erteilen, mit Noten und all den schönen Dingen, die in der Schule dazu gehören.

So ist die Freude groß, insbesondere bei den vielen Muslimen, die an dem Projekt mitgearbeitet haben. Allerdings ist die Freude nicht ungetrübt. Die ersten Texte liegen auf dem Tisch, Kritiker haben sich zu Wort gemeldet. Es gibt Leute, die sagen, es ist ein Projekt der Politik. Die Politik macht mit dem Religionsunterricht, was sie will. Sie produziert eine Art „Staatsislam“. Andere sagen, der Islam passt nicht in die Schule. Im Islam werden ganz andere Dinge verlangt als die, die wir in der deutschen Schule brauchen. Diese Kritik kommt nicht nur von außen, sondern wird auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zum Teil sehr deutlich artikuliert. So stellt sich die Frage: Wie steht es um den Islamischen Religionsunterricht? Was können wir von ihm erwarten und was nicht?

Ich begrüße herzlich Annett Abdel-Rahman. Sie ist Religionslehrerin an einer Schule in Osnabrück. Sie hat einen Lehrauftrag für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Sie ist Mitglied im Vorstand der Schura, des Landesverbandes der Muslime in Niedersachsen. Und sie ist Mitglied im Beirat für den Islamischen Religionsunterricht, der unter anderem darüber entscheidet, wer in Niedersachsen Islam an der Schule unterrichten darf und wer nicht. Herzlich Willkommen, Frau Abdel-Rahman!

Ich begrüße herzlich Prof. Dr. Friedhelm Kraft. Er hat Germanistik, Geschichte und Evangelische Theologie studiert, war Lehrer in Berlin, danach Professor an der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Seit neun Jahren ist Herr Kraft Rektor des Religionspädagogischen Institutes der Evangelischen Landeskirche in Loccum. Auch Ihnen herzlich Willkommen!

Frau Abdel-Rahman, der Modellversuch läuft jetzt fast zehn Jahre. Könnten Sie uns zunächst einmal auf den Stand bringen: Wie hat man es organisiert, wie sind die Erfahrungen, wo steht der Modellversuch jetzt? 

Abdel-Rahman
Ich denke, dass wir in Niedersachsen durch diesen Modellversuch sehr gut vorbereitet sind für den ordentlichen Islamischen Religionsunterricht. Wir haben vor zehn Jahren mit einer Hand voll Grundschulen begonnen, auch mit einer Hand voll Lehrer. Das haben wir dann sukzessive erweitert. Zu Beginn war der Unterricht eine immense Arbeit für die Lehrer, denn sie mussten ja ein neues Fach geben, ohne jegliches Arbeitsmaterial. Neben ihrem normalen Unterricht haben sie regelmäßig Fortbildungen besucht.

Im Jahr 2008 wurde dann auf Veranlassung des Kultusministeriums eine Evaluation durchgeführt. Es wurde untersucht, wie Eltern, Lehrer und Schüler zu dem Schulversuch stehen. Das Ergebnis war sehr positiv. Das hat alle Beteiligten darin bestätigt, dass man weitermachen muss. Kurze Zeit später haben wir dann das Kernkurrikulum verabschiedet. Es wurde von einer Gruppe islamischer Religionslehrer und islamischer Religionspädagogen erarbeitet und wurde mit den Muslimen, die am sogenannten „Runden Tisch“ des Kultusministeriums beteiligt waren, abgestimmt und schließlich verabschiedet – das alles natürlich mit religionspädagogischer Begleitung des Kultusministeriums. So haben wir mittlerweile ein funktionierendes Kurrikulum, und wir haben Lehrer, die schon Erfahrung mit dem Unterricht haben.

Reinbold 
Ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis der Unterricht kommt? Oder gibt es noch irgendwelche Hürden, die das womöglich verhindern könnten?  

Abdel-Rahman 
Eigentlich nicht. Wir haben die feste Zusage seitens des Kultusministeriums. Wir haben alles vorbereitet. Eigentlich wollten wir in diesem Schuljahr starten, aber das war aus organisatorischen Gründen nicht möglich. So wurde der Beginn auf das nächste Schuljahr verschoben.

Reinbold 
Herr Kraft, Frau Abdel-Rahman sagt, die Evaluation des Islamischen Religionsunterrichts sei sehr positiv gewesen. Wird das auch von den evangelischen Religionslehrern und Religionslehrerinnen so wahrgenommen? Verändert ein solcher Unterricht die Stimmung an der Schule womöglich positiv?

Kraft 
Die Kirchen haben den Wunsch nach Islamischem Religionsunterricht stets unterstützt. Sie haben allerdings auch gesagt, dass die gleichen Standards für den Unterricht gelten sollen wie für den Katholischen und den Evangelischen Religionsunterricht, also die rechtlichen Grundlagen nach Artikel 7,3 des Grundgesetzes, die pädagogischen Standards, die Methoden- und Bücherauswahl und dergleichen.

Wir haben den Modellversuch vor einigen Jahren in Loccum evaluiert. Die Auswertung fiel positiv aus. Es zeigte sich, dass dort, wo islamische Religionslehrer und -lehrerinnen in den Schulen den Unterricht gegeben haben, insgesamt das Thema Religionsunterricht aufgewertet worden ist. Der Unterricht hat die eigene Identität der Schülerinnen und Schüler gestärkt. Indirekt hat er auch positive Rückwirkungen für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht gehabt. Wir können den Modellversuch daher nur begrüßen. Wir sind zwar nicht am Ziel, aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

Reinbold 
Frau Abdel-Rahman, einer der Gründe, warum es bis zur Einführung des ordentlichen Islamischen Religionsunterrichts so lange gedauert hat, ist ein juristischer. Nach Artikel Sieben des Grundgesetzes braucht es für Islamischen Religionsunterricht islamische „Religionsgemeinschaften“. Die islamischen Verbände aber sind aus verschiedenen Gründen keine „Religionsgemeinschaften“, sagt der Staat. Was also tun? Inzwischen hat man ein Modell gefunden, das juristische Problem zu lösen. Man hat einen Beirat gegründet. Wie sieht das Modell aus? 

Abdel-Rahman 
Der Beirat setzt sich zusammen aus vier Mitgliedern, je zwei Mitglieder der Schura, des Landesverbandes der Muslime, und zwei Mitglieder der Türkisch-Islamischen Union DITIB. In Niedersachsen war es relativ leicht, den Beirat zu besetzen, weil DITIB und Schura für relativ viele organisierte Muslime in Niedersachsen sprechen. In Nordrhein-Westfalen ist das komplizierter, ich denke, da geht es uns relativ gut.

Dieser Beirat bildet die Brücke zwischen dem Staat und den organisierten Muslimen. Die Beiratsmitglieder sind Theologen oder Religionspädagogen. Sie haben zwei bis drei Hauptaufgaben. Sie erteilen die Lehrerlaubnis für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht, wie es auch bei den anderen Religionsgemeinschaften üblich ist. Sie stimmen im Namen der organisierten Muslime über den Lehrplan ab. Und sie sehen sich als Ansprechpartner für die Lehrer. Für die Lehrer ist die Lehrerlaubnis eine Art Zertifizierung auch vor den Eltern und den Moscheegemeinden. Die Lehrerlaubnis zeigt: Ich bin ein Religionslehrer für Islamische Religion, ich habe die Lehrerlaubnis, ich habe die Qualifikation, dass ich unterrichten darf. 

Reinbold 
Herr Kraft, in anderen Bundesländern hat man andere Lösungen gefunden. Wie sehen Sie die niedersächsische Konstruktion? Ist das eine sachgemäße Lösung?

Kraft 
Ich denke, dass es eine Übergangslösung ist. Wir haben die Situation, dass sowohl DITIB als auch Schura in Niedersachsen nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt sind. Deshalb haben wir keinen Religionsunterricht nach Artikel 7,3 des Grundgesetzes. Nordrhein-Westfalen hat einen anderen Weg gewählt. Das Land selbst hat vier Experten benannt, in Rücksprache mit dem Koordinierungsrat der Muslime, und die muslimischen Verbände haben ihrerseits vier Mitglieder benannt. Dieses Modell ist von den Vorgaben des Grundgesetzes weiter entfernt als das niedersächsische, es hat allerdings den Charme, stärker für Pluralität zu sorgen. Frau Abdel-Rahman, Sie sagen selbst, Sie sprechen von den „organisierten Muslimen“. In Deutschland sind vielleicht 20 bis 25 % der Muslime organisiert. Da stellt sich natürlich immer die Frage: Wen spiegeln die Verbände wider? Der Islam hat keine staatskirchlichen Strukturen, die Lage ist mit der der Kirchen nicht ganz vergleichbar. Da sind Übergangslösungen in der jetzigen Situation der einzige und der beste Weg.

Reinbold
Lassen Sie uns zu den Inhalten kommen. Frau Abdel-Rahman, alle sagen, Islamischer Religionsunterricht ist etwas anderes als die Koranschule. Die Koranschule ist im Islam ganz üblich. Religionsunterricht, so wie wir ihn haben, ist in islamisch geprägten Ländern nicht üblich. Was sollen die Kinder lernen im Islamischen Religionsunterricht?  

Abdel-Rahman 
Ich möchte mich gern beschränken auf die Koranschulen, wie wir sie hier in Deutschland kennen. Die Koranschule ist tatsächlich anders als wir das in der Schule vorsehen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass nicht das eine das andere ersetzt, sondern dass beide sich gegenseitig ergänzen können und sollten. Das wird auch, denke ich, in der Zukunft so sein.

In der Schule haben wir einen Bildungsauftrag, wie in allen anderen Fächern auch. Es geht nicht nur darum, einen Inhalt zu lernen, sondern auch, mich zu diesem Inhalt in Beziehung zu setzen, zu reflektieren, danach zu fragen, vielleicht jemandem zu helfen, eine Antwort zu finden, ohne ihm die Antwort vorzugeben. Das ist auch im Religionsunterricht so.

Das Kernkurrikulum für den Religionsunterricht ist gekennzeichnet von einer Didaktik des Fragens und nicht von einer Didaktik der vorgegebenen Antworten. Das heißt, man fragt danach: Welche Rolle spiele ich als Mensch in dieser Welt? Welche Rolle spielt Gott in dieser Welt für mich und wie beeinflusst das mein Handeln, meinen Glauben? Welche Rolle spielen andere Religionen in meiner Gesellschaft? Was bedeuten Inhalte aus Koran und Sunna für mich? Welche Verantwortung habe ich als Mensch? Wie wichtig sind die Propheten in meiner Religion für mich? Was bedeuten sie in meinem Leben? Was kann ich aus deren Vorbildwirkung für mich ableiten?

Im Unterricht in den Moscheen lernen die Schüler beispielsweise die arabische Sprache. Das ist eigentlich eine sehr wichtige Voraussetzung, um als Muslim zu leben, und ich bedauere auch ein bisschen, dass wir die Grundregeln des Arabischen nicht ins Kernkurrikulum aufgenommen haben, weil ja auch für das Gebet ein wenig Arabisch notwendig ist. Aber wie dem auch sei: Sie lernen Arabisch, sie lernen den Koran zu rezitieren und auch Stücke aus dem Koran auswendig, um das Gebet vollziehen zu können. In der Schule dagegen sieht man sich zum Beispiel einen Vers aus dem Koran an, lernt ihn vielleicht, fragt aber vor allem nach: Was bedeutet das für mich? Die Schüler sollen angeleitet werden, Fragen zu stellen und den Inhalt zu ihrem Leben in Beziehung zu setzen.

Reinbold 
Herr Kraft, Sie haben vor vielen Jahren in Berlin an einem ersten Entwurf mitgearbeitet und Sie haben in einer Publikation einmal geschrieben, dass es damals scheiterte, weil man die islamischen Anforderungen auf der einen Seite und die pädagogischen Anforderungen der deutschen Schule auf der anderen Seite nicht zusammenbrachte. Woran genau ist es damals gescheitert?

Kraft
Es gab damals in Berlin und gibt immer noch die islamische Förderation, die als einziger islamischer Verband nach dem Berliner Gesetz islamischen Religionsunterricht geben darf. In der Zeit, in der die konzeptionellen Vorbereitungen für diesen Unterricht erfolgt sind, hat mir die islamische Föderation seinerzeit ihre Vorarbeiten gezeigt, und ich durfte einen kritischen Blick darauf werfen. Wir haben den Entwurf dann mit alten Plänen aus dem deutschen Religionsunterricht verglichen und dabei entdeckt, dass der Plan der Föderation sehr stark den Plänen des Evangelischen Religionsunterrichtes der 50er Jahre ähnelte. Es war ein reiner Stoffplan ohne pädagogische Grundlegungen. Danach hat sich die Föderation Hilfe von außen geholt, vom internationalen Institut für Pädagogik und Didaktik in Köln, wenn ich mich recht erinnere.

Lassen Sie mich noch etwas Grundsätzliches zu den Plänen sagen. Es gibt eine hervorragende Studie von Irka-Christin Mohr, die die ersten Pläne der Muslime für islamischen Religionsunterricht in Europa untersucht hat. Der Grundtenor Ihrer Überblicksdarstellung ist, dass die erste Generation der Lehrpläne für islamischen Religionsunterricht die Hauptfunktion einer Selbstverständigung hatte: Wie definieren wir Muslime uns unter den Bedingungen europäischer Gesellschaften? Was ist für uns eigentlich das Zentrale und Wichtige? Wie führen wir uns selber zusammen? Die Frage, wie man eigentlich das, was einem wichtig ist, im schulischen Kontext vermitteln kann, stand in zweiter Hinsicht.

In Niedersachsen haben wir jetzt die zweite Generation eines islamischen Lehrplanes, bei der sich genau diese Entwicklung feststellen lässt. Das erste Kurrikulum war viel stärker inhalts- und stofforientiert als das zweite. Wenn ich mir das neue Kernkurrikulum für den Islamischen Religionsunterricht ansehe, entdecke ich viele Parallelen zu den Kurrikula des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts, obwohl ich durchaus einige kritische Fragen an das islamische Kurrikulum habe. 

Reinbold
Frau Abdel-Rahman, es gibt in der neueren Debatte einige kritische Stimmen, die sagen: Trotz aller Fortschritte in den Kurrikula hat sich im Grunde an dieser 50er-Jahre-Mentalität des Islamischen Religionsunterrichts nichts geändert. Immer noch geht es um Stoffvermittlung, immer noch sprechen die Lehrer von „Wir Muslime“ und bringen den Schülern bei, was sie tun sollen. Also: Wir Muslime machen das so und so. Wir stellen uns beim Beten so und so hin. Wir Muslime beten fünf Mal am Tag. Wir fasten dann und dann. Reflexion, so diese Kritiker, findet kaum je statt. Was sagen Sie zu dieser Kritik? 

Abdel-Rahman
Das ist eine sehr interessante Frage. Ich denke, wenn man sich den Islamischen Religionsunterricht in der Praxis ansieht, merkt man, dass das so gar nicht geht. Die Schülerschaft ist sehr heterogen. Die Schüler und Schülerinnen haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe, unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten, unterschiedliches religiöses Vorwissen, unter Umständen auch unterschiedliche Konfessionen, einige sind Sunniten, andere Schiiten, zum Beispiel. Da kann man gar nicht so unterrichten.

Letzte Woche zum Beispiel gab es in meiner Klasse einen Disput zwischen einer arabisch geprägten Schülerin und einem türkisch geprägten Schüler, beide 7 Jahre alt. Sie haben darüber diskutiert, ob es nun „Salam aleikum“ heißt oder „Selam aleikum“, wie es die Türken sagen. Das war für die Kinder ein wirklich ernsthaftes Problem. An diesem kleinen Beispiel sieht man schon, dass es nicht so einseitig geht, dass man sagt: „Wir Muslime“. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Elemente, die alle Muslime betreffen. Das Gebet fünfmal am Tag z.B., das ist ein verbindendes Element.

Reinbold 
Herr Kraft, wie ist das heute eigentlich im Evangelischen Religionsunterricht? Gibt es da so etwas, dass die Lehrer in die Klassen gehen und sagen: Das christliche Glaubensbekenntnis geht so und so. Wenn wir beten, stellen wir uns so und so hin. Spielen solche Elemente eine Rolle oder ist das alles 50er Jahre und lange vorbei?

Kraft 
Wenn man zehn Jahre Religionsunterricht hatte und hinterher auch das Glaubenbekenntnis kennt, dann ist das sicherlich keine falsche Sache. Es gibt zwei didaktische Ansätze in der aktuellen Diskussion, die versuchen, das aufzunehmen. Das eine ist die Kinder- und Jugendtheologie, und das andere ist die performative Didaktik.

Bei der Kinder- und Jugendtheologie geht es darum, welche Theologie für Kinder und Jugendliche wir brauchen. Aber wir sagen: Kinder und Jugendliche sind Theologen, und in diesem Zwischenspiel von Theologisieren mit Kindern, Theologie für Kinder und Theologie der Kinder, da spielt sich das ab, was ich Vermittlung und Aneignung theologischen Wissens nennen würde.

Das andere ist die performative Didaktik. Sie setzt einen anderen Akzent und stellt die Frage, ob man eigentlich Religion angemessen verstehen kann, wenn man selbst keine Praxiserfahrung mit Religion hat. Inwieweit muss, wenn ich Religion als ein ganzes sehe, auch die Praxis der Religion ansatzweise im Religionsunterricht vorkommen, unter den besonderen schulischen Bedingungen? Da hat die performative Didaktik durchaus Elemente ins Spiel gebracht wie etwa Gespräche über das Gebet. Es geht dabei aber nicht darum, Gebetübungen abzuhalten, damit ich ein guter Christ wäre. Sondern es geht darum zu verstehen, was das Gebet für Christen bedeutet. Es geht darum, Praxiserfahrungen zu machen, die hinterher sofort wieder reflektiert werden. In diesem Zwischenspiel von Annehmen und Distanz, von Praxis und Reflektion, spielt sich Religionsunterricht ab. 

Reinbold 
Frau Abdel-Rahman, Sie haben gesagt, dass die Lehrer und Lehrerinnen zu Beginn ihre losen Blattsammlungen hatten und dass jeder sich seinen Inhalt selbst zusammenstricken musste. Inzwischen gibt es Bücher und einen heftigen Streit um die Frage, was eigentlich drinstehen muss in so einem islamischen Religionsbuch. Eines der ersten Bücher, das geschrieben wurde, trägt den Titel „Saphir“. Einer der islamischen Verbände, die Milli Görüş, hat das Buch bei Erscheinen scharf kritisiert, ich zitiere das einmal: „Das Buch widerspricht dem Selbstverständnis und den Erziehungszielen der muslimischen Religionsgemeinschaften zum Teil erheblich“, es ist für den Unterricht „ungeeignet“. Kritisiert hat der Verband insbesondere, dass das Buch über den Islam informiert und reflektiert, dass es etwa beim Gebet aber nicht sagt: Wir Muslime beten so und so. Sondern der erste Satz in diesem Buch zum Thema „Gebet“ lautet etwa: „Manche Menschen beten zu Gott, vielleicht auch Du“. Die Kritik sagt: So etwas geht nicht, man muss den Kinder doch das Gebet beibringen! Ist das eine in der muslimischen Gemeinschaft verbreitete Meinung?

Abdel-Rahman 
Ich habe das Buch auch mit meinen Studenten diskutiert. Der Student, der über das Buch referiert hat, hat sinngemäß gesagt: Es ist ein sehr gutes Ethikbuch, aber es reicht nicht, wenn man die entsprechenden ethischen Stellen mit einem bisschen Koran und Hadith schmückt. Ich persönlich teile diese Kritik. Ich halte dieses Buch für ein ausgezeichnetes pädagogisches Buch und für ein Buch, das sehr nah an den Schülern ist. Man merkt die Erfahrung der Autoren im Umgang mit muslimischen Schülern. Aber auch mir ist die religiöse Gewichtung zu schwach.

Ich persönlich habe das Empfinden, dass das auch ein bisschen mit der Situation des Islamunterrichts in Nordrhein-Westfalen und generell in Deutschland zu tun hat. Als das Buch entstanden ist, war überall die Rede davon, dass wir einen bekenntnisorientierten Islamunterricht einführen. Aber wir hatten ihn nirgends, sondern wir hatten islamkundlichen Unterricht, d.h. einen Unterricht, der über die Religion informiert. Nun ist es für einen Schulbuchautor extrem schwer, ein Buch zu schreiben, wenn er nicht so genau weiß, ob es nun bekenntnisorientiert oder islamkundlich sein soll. Wenn ich recht sehe, haben sich die Autoren bemüht, beiden Ansprüchen gerecht zu werden. Das geht aber meines Erachtens religionspädagogisch nicht. Für einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht ist es nicht ausreichend.

Reinbold 
Die Autoren und Autorinnen haben die Kritik seinerzeit scharf zurückgewiesen und dem Verband Milli Görüş vorgeworfen, dass er im Grunde gar nicht wisse, was eine deutsche Schule ist. Der Islamunterricht, wie er gefordert werde, sei eine Art „Indoktrinationsunterricht“, hieß es.

Abdel-Rahman 
Es gibt ein Beispiel in einem dieser Bände, an dem man das Problem sehr gut erkennen kann. An einer Stelle geht es um den Ramadan. Da ist ein Dialog abgebildet zwischen einem muslimischen Geistlichen, einem Imam, und einem jungen Menschen. Sie diskutieren darüber, ob er im Ramadan fasten muss. Die ganze Geschichte dreht sich nur darum: Eigentlich ist es vorgeschrieben, du müsstest fasten im Islam. Aber wenn du es nicht schaffst, dann faste halt nicht. Aber eigentlich ist es Pflicht. Aber wenn du es nicht hinbekommst, dann faste halt nicht. Am Ende dieses Textes ist man nicht schlauer.

Ich persönlich fände es besser, wenn man sagt: Das Fasten ist im Islam Pflicht. Aber wenn du diese und jene Bedingungen hast, die es dir erschweren, dann müssen wir fragen: Wie kannst du damit umgehen? Welche Möglichkeiten hast du im Islam, diese Pflicht auszufüllen? Unter welchen Bedingungen darfst du diese Pflicht verschieben? Wir haben ja Handwerkszeug im Islam, das uns anbietet, in bestimmten Situationen nicht zu fasten. Ich würde es so machen. Das ist besser als dieses Lavieren: Ja, es ist Pflicht, aber wenn du es nicht schaffst, versuche es halt später. Es ist nicht ganz ehrlich in meinen Augen. Das Fasten im Ramadan ist einer der grundlegenden Gottesdienste. Das darf man meines Erachtens nicht klein reden. Natürlich kann es ein Problem sein, als Jugendlicher so lange Zeit zu fasten und dann eine Klassenarbeit zu schreiben. Aber in meinen Augen müsste man dann sehr viel sauberer argumentieren.

Reinbold 
Herr Kraft, Sie haben in einer Publikation davon gesprochen, der Schulversuch in Niedersachsen habe „religionspolitische Bedeutung“. Es sei offenkundig, dass der Staat gewissermaßen die Muslime erziehen wolle durch den Religionsunterricht. Sind Sie der Meinung, dass der Staat sich unzulässigerweise einmischt in die Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften?

Kraft 
Religionsunterricht hat immer eine zivilreligiöse Funktion. Wir alle kennen das schöne Zitat von Böckenförde: „Der Staat lebt von Grundlagen, die er selbst nicht schaffen kann.“ Deshalb ist es ihm wichtig, dass es religiöse Erziehung gibt, dass Menschen über ihre Religion etwas erfahren können, dass sie ein Wertbewusstsein bekommen, das auch religiös fundiert ist. Von daher ist es alles andere als uninteressant, welches Wertbewusstsein aus welchem Unterricht entsteht, und von daher muss die Gesellschaft ein großes Interesse am Religionsunterricht und seinen Wirkungen haben.

Diese zivilreligiöse Funktion hat der Evangelische und Katholische Religionsunterricht und selbstverständlich auch der Islamische Religionsunterricht. Er dient nicht nur der Glaubenstradierung oder sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche für ihren Glauben eine Sprache finden, sondern er hat eine gesellschaftliche Bedeutung. Er trägt dazu bei, dass Menschen friedlich in dieser Gesellschaft zusammen leben, er trägt dazu bei, dass die Grundwerte, die diese Gesellschaft zusammenhalten, auch von den jeweiligen religiösen Traditionen begründet und gelebt werden können. Deshalb hat Islamischer Religionsunterricht natürlich eine politische Bedeutung. Die Frage, ob der Islam in Gänze in Deutschland angekommen ist, ist ja eine offene Frage. Wir haben parallelgesellschaftliche Strukturen nicht nur in Neukölln, sondern auch in anderen Quartieren in Deutschland. Wie Muslime ihr zu Hause finden in diesem Staat, ist noch nicht zur Gänze ausgemacht. Wenn der Islamische Religionsunterricht einen Beitrag dazu leisten kann, dass auch muslimische Kinder und Jugendliche hier leichter ihren Platz finden, dann ist das eine großartige Sache. 

Weiter.