Was sollen die Schüler im Fach „Islamische Religion“ lernen?

Nach den deutschen Lehrplänen gelten für das Fach Islamische Religion keine anderen Standards als für den christlichen Religionsunterricht. Die Schülerinnen und Schüler sollen insbesondere
– Grundkenntnisse über ihre eigene Religion erwerben und eine persönliche religiöse Sprache entwickeln
– kritikfähig und religionsmündig werden
– lernen, andere Religionen, Kulturen, Auffassungen oder Lebensweisen zu tolerieren und zu akzeptieren
– ethische Handlungsmaßstäbe anhand des Koran und der Sunna erwerben (Kerncurriculum für den Modellversuch Islamischer Religionsunterricht in Niedersachsen).

Doch lassen sich diese Vorgaben mit den tatsächlichen Anforderungen an einen Islamischen Religionsunterricht vereinbaren? Über diese Frage wird zurzeit energisch gestritten. Der Streit entzündet sich insbesondere an der Beurteilung der Schulbücher für das Fach „Islamische Religion“, die in jüngerer Zeit veröffentlicht worden sind.

Kritik an Schulbüchern für Islamische Religion
So hat etwa die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş das erste für den Unterricht zugelassene Schulbuch für ungeeignet erklärt. Zwar sei es gut, dass mit Saphir 5/6 im Jahr 2008 endlich ein Buch für den Islamischen Religionsunterricht erschienen sei. Bei genauerer Betrachtung zeige sich jedoch, dass es „dem Selbstverständnis und den Erziehungszielen der muslimischen Religionsgemeinschaften zum Teil erheblich“ widerspreche.

Zu kritisieren sei insbesondere: 
– „Saphir“ informiere über den Islam, statt bekenntnisorientierte Religion zu unterrichten, das heißt die Praxis des Islams in den Einzelheiten zu vermitteln und „die grundlegenden Überzeugungen des Islams als Glaubenswahrheit“. So lernten die Schüler etwa „kaum Einzelheiten über die Gebetswaschung oder die Art und Weise der Verrichtung des Gebets“. Auch fehle ein „Wir“, das die muslimischen Schüler und Schülerinnen zu einer Gemeinschaft zusammenfasse („Wir Muslime“, „Unser Prophet“).
– „Saphir“ sei zu interreligiös ausgerichtet. „An vielen Stellen wird der Islam quasi als einer von vielen Wegen dargestellt, und die Grenzen zwischen den Religionen werden allzu sehr verwischt.“
– „Saphir“ wähle zu sorglos Bilder und Beispiele aus. So entsprächen etwa einige der dargestellten Engel „nicht der Vorstellung im Islam“, sondern seien „Bilder christlicher Prägung“.
– Saphir verkenne die Bedeutung der Sunna, der Tradition über die Praxis des Propheten Muhammad. So werde etwa Sure 2,185 („Gott will es euch leicht machen, nicht schwer“) wie folgt interpretiert: „Wie ihr euch selbst entscheidet, wenn ein Problem auftaucht, das hat Gott euch selbst überlassen, niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben“. Eine solche Deutung lasse den „Ansatz erkennen, wonach es fast schon gleichgültig erscheint, der Sunna des Propheten zu folgen.“ Eine Praxis des Islams ohne die Sunna sei aber nicht vorstellbar.

Alles in allem sei „Saphir 5/6“ trotz seiner anspruchsvollen Aufmachung „nicht für den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht geeignet“ (mehr).

Die Schule ist keine Moschee
Die Verfasser des Schulbuches haben diese Kritik mit teils deutlichen Worten zurückgewiesen:

Zu wenig Bekenntnis?
Die Verfasser betonen, die Forderung nach einer Vermittlung des Bekenntnisses sei im Blick auf allgemeine Grundsätze des Religionsunterrichts prekär. In der Schule werde Wissen nicht „vermittelt“, sondern auf der Grundlage vielfacher Erfahrungen hergestellt, und zwar von den Schülern selbst, und dies in je eigener Weise. „Ein guter Unterricht muss die notwendige Beweglichkeit mitbringen, damit die Schülerinnen und Schüler in Ruhe ihre Lernwege entdecken und begehen können. Das muss auch die Religion in Kauf nehmen, wenn sie denn unbedingt in die Schule will.“ Ein Schulbuch sei kein Katechismus, Religionsunterricht könne kein Indoktrinationsunterricht sein. Weil dem so sei, habe man bewusst auf die Verwendung der 1. Person Plural verzichtet („unser Glaube“, „unser Prophet“). Die islamische Praxis werde im Übrigen in den Klassen 1 bis 4 unterrichtet, „in dem Maß, wie das überhaupt Gegenstand des schulischen Unterrichts sein kann“. Saphir 5/6 gehe vor allem auf die geistige Dimension des Gebets ein. Es gehe darum, „die Sache schmackhaft zu machen, nicht darum, sie durchzusetzen.“

Zu interreligiös?
„Die Frage nach Gott bewegt jeden Menschen, sofern er bereit ist, sich ihr zu stellen. Damit rücken Elemente der Gemeinsamkeit in allgemein mitmenschlicher, aber auch spezifisch interreligiöser Hinsicht ins Zentrum.“ Die von Milli Görüş kritisierte Nähe zwischen den Religionen sei „intendiert. Warum? Weil sie eine Realität ist.“ Das Buch lade dazu ein, die damit verbundenen Fragen nach religiöser und kultureller Identität zu diskutieren. Die Anerkennung religiöser Pluralität sei nicht verhandelbar.

Falsche Bilder?
Die Verfasser räumen ein, dass Saphir 5/6 mit üblichen Sehgewohnheiten breche. Die Abbildungen fungierten nicht als Dekoration, sondern, wie es sich für ein Schulbuch gehöre, als Impulse. Sie lösten einen Konflikt aus, provozierten Nachfragen und das Nachdenken – „was das eigentliche Ziel jedes schulischen Unterrichts sein sollte, der auf Lernzuwachs aus ist.“ Wichtig sei dabei, Bilder auszuwählen, „die in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler herumgeistern.“ Dazu gehörten die ausgewählten Bilder von Engeln, die längst auch unter Muslimen geläufig seien.

Zu wenig Sunna?
Die Verfasser weisen den Vorwurf, die Bedeutung der Sunna werde relativiert, zurück. Sie werde im Gegenteil „gestärkt, indem sie in Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler gerückt wird.“ Damit verbunden sei die Frage, „wieviel ‚Sunna’ man für sich und seine Lebensgestaltung zulassen möchte“. Es sei eines der zentralen Bildungsziele des islamischen Religionsunterrichts, den Schülern und Schülerinnen das Rüstzeug dafür an die zu geben, eben diese Frage für sich zu beantworten („subjektive Entscheidungskompetenz“) (mehr).

 

Was sollen die Schüler im Fach „Islamische Religion“ lernen?: Annett Abdel-Rahman, Friedhelm Kraft im Gespräch

Zurück