Einen einheitlichen Text des Korans hat es nie gegeben

(Nach: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität)

Nach Auskunft des großen Damaszener Gelehrten Ibn al-Djazarī (1350–1429) spielte die mündliche Tradition für die Überlieferung des Korans von Anfang an die wichtigste Rolle. Der Prophet Muhammad trug die Offenbarungen mündlich vor, und die Genossen des Propheten lernten sie ganz oder in Teilen auswendig.

Das erste vollständige schriftliche Koranexemplar wurde nach verbreiteter Auffassung vom ersten Kalifen Abu Bakr (632–634) in Auftrag gegeben und vom Schreiber des Propheten Muhammad, Zaid ibn Thabit, geschrieben. Dieser erste schriftliche Koran scheint eine Art Sicherheitskopie gewesen zu sein. Nachdem zahlreiche Kenner der Offenbarungen in den Kämpfen nach dem Tod Muhammads ums Leben gekommen waren, wollte der Kalif den Wortlaut des Korans schriftlich fixieren.

Einige Jahre später erfuhr der Kalif ‘Uthmān (Osman, 650–651), dass die Muslime sich über den Wortlaut der Offenbarungen stritten. Daraufhin ließ er Abu Bakrs Koranexemplar in Medina vervielfältigen und Abschriften dieses Korans in die Zentren der arabischen Welt schicken (nach Basra, Kufa, Damaskus, Mekka, Jemen, Bahrain).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang Zweierlei:
1) Maßgebend für den korrekten Wortlaut des Korans war nach wie vor die mündliche Tradition. ‘Uthmāns Abschriften dienten denen, die den Koran rezitierten, lediglich als Gedächtnisstütze. Den genauen Wortlaut konnte man ihnen nicht entnehmen, da der arabische Text ohne Punkte geschrieben war (ohne Punkte lässt das Arabische so viele Deutungen zu, dass man oft nicht entscheiden kann, was gemeint ist; so wird etwa für die Buchstaben b, t, th, n und y am Wortanfang und in der Wortmitte dasselbe Zeichen verwendet).
2) ‘Uthmāns Koran reduzierte die vielfältige Überlieferung nicht auf einen Text. Vielmehr existierten neben ‘Uthmāns Koran noch andere Formen, etwa die Rezension des Ubaiy und die des Ibn Mas‘ūd. Diese Korane unterschieden sich vom Koran ‘Uthmāns durch eine unterschiedliche Anordnung der Suren und durch Varianten im Text.

Auch nach ‘Uthmān gab es demnach mehr als nur eine Möglichkeit, den Koran zu rezitieren.

Auf diese Vielgestalt der Lesarten war die islamische Überlieferung viele Jahrhunderte lang stolz, denn sie zeigte den Gelehrten, wie vielfältig Gottes Wahrheit ist. Die Auffassung der meisten Gelehrten war: Die Vielfalt der Überlieferung erleichtert den Menschen das Leben und spornt sie an, sich intensiv mit dem Heiligen Text zu beschäftigen. Mit den Worten Ibn al-Djazarīs: „Die Vielfalt der Lesarten ist „eine Entlastung für die Gemeinde und eine Erleichterung für diese Volk“.

 

Salafisten verfälschen die Geschichte der Entstehung des Korans
Salafisten (mehr) verfälschen oft die Geschichte der Entstehung des Korans, um zu dem von Ihnen gewünschten Ergebnis zu kommen. Sie tun dies vor allem auf dreierlei Weise:

1) Sie betonen die Rolle des schriftlich dokumentierten Korans gegenüber dem mündlich vorgetragenen.
2) Sie erwecken den Eindruck, als habe ‘Uthmān (Osman) aus vielen verschiedenen Korantexten einen einzigen gemacht, der bis heute einmütig überliefert werde.
3) Sie unterschlagen, dass ‘Uthmāns Buch nur den vieldeutigen Konsonantentext des Korans enthält, mit dessen Hilfe niemand den Text des Korans rekonstruieren könnte, der ihn nicht schon auswendig kennt
(so z.B. die Einleitung in die Grundlagen der Auslegung des Korans durch den anerkannten wahhabitisch-salafistischen Gelehrten Ibn ‘Uthaimīn, 1929–2001).

All das zeigt: Der Versuch der Salafisten, zu den wahren Wurzeln der „rechtschaffenen Altvorderen“ (arabisch: salaf) zu gelangen, führt keineswegs zur „wahren Tradition“, sondern zu einer modernen Ideologie, die die tatsächliche Tradition preisgibt.

(nach: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, 61–114).

 

Zurück