Eine menschenfreundliche Art, den Koran zu lesen

(Aus: Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit)

Die Ankaraner Schule, die Mitte der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts an der Universität Ankara entstand, setzte sich mit der Frage, wie mit den juristischen Aussagen im Koran umzugehen sei, ausführlich auseinander. Sie betrachtet den Koran nicht als zeitlose Offenbarung, sondern als eine zu einer bestimmten Zeit aktuelle Rede Gottes, die an eine bestimmte Gruppe von Menschen gerichtet ist. Nach dieser Auffassung spricht der Koran nicht in der Begrifflichkeit der Gegenwart und behandelt nicht die Probleme der Gegenwart. Man könne den Koran nicht einfach aufschlagen, um aktuelle Fragen der Muslime zu beantworten. Man könne den Koran nur dann verstehen, wenn man den außertextlichen Kontext seiner Entstehung versteht. Aufgabe der Koranhermeneutik sei es – so die Ankaraner Schule –, die ethischen Prinzipien zu entdecken, die hinter der Geschichtlichkeit des koranischen Wortes verborgen sind, und sie für die Gegenwart nutzbar zu machen.

Der pakistanische Denker Fazlur Rahman (1911–1988) übte einen starken Einfluss auf diese Schule aus. Er forderte, die islamischen ethischen Prinzipien aus dem Koran zu destillieren und dieses Destillat in jeder Zeit neu aufzugießen. […]

Demnach ist eine Interpretation des Koran richtig, wenn der Interpret zunächst die ursprünglichen Bedeutungen koranischer Aussagen, wie die Gefährten des Propheten (die Erstadressaten) sie verstanden haben, wie auch ihre historischen Kontexte erforscht, von ihnen dann bestimmte generelle ethische Prinzipien ableitet und diese schließlich auf die moderne Situation anwendet.

Dieser Ansatz kann jedoch nur auf solche Verse angewandt werden, die rechtliche Fragen behandeln. Und die machen […] nur einen sehr kleinen Teil des Koran aus. […]

Daher ist es für eine zeitgemäße Lesart des Koran notwendig, nicht nur die uns bekannten historischen Verkündigungskontexte zu berücksichtigen, sondern auch theologische Kriterien aufzustellen, die als Richtlinie und Maßstab für den Umgang mit dem Koran dienen können.

Im Koran selbst findet man theologische Aussagen, die keine bestimmten gesellschaftlichen Ereignisse kommentieren. Sie sind daher als Leitfaden für das Verständnis von gesellschaftlichen Aussagen im Koran gut geeignet. Als oberste koranische Maxime gilt: „Wir haben dich [Muhammad] lediglich als Barmherzigkeit für die Welten entsandt“ (21,107) und: „Dieses Buch ist Rechtleitung und Barmherzigkeit“ (7,52). Das sind klare theologische Aussagen, die, weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Kontext beziehen, universalen […] Charakter haben. […]

Die Verwirklichung von Liebe und Barmherzigkeit […] ist die oberste Maxime. Daraus leitet der Koran weitere Maximen ab, damit Liebe und Barmherzigkeit keine abstrakten Kategorien bleiben, sondern konkret gelebt werden können. Die als allgemeine Prinzipien verstandenen Maximen des koranischen Textes bilden daher den Ausgangspunkt der humanistischen Koranhermeneutik. […] Jede Auslegung, die mit diesen Prinzipien nicht in Einklang steht, ist nicht zulässig.

(Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion, Freiburg 2012, 161–164. 171).

 

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