Die eine, richtige Auslegung des Korans gibt es nicht

(Nach: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität)

Anders als viele moderne Gelehrte waren die meisten klassischen islamischen Gelehrten der Auffassung, dass der Koran mehrdeutig ist. Jede Sure enthält eine Vielzahl von Bedeutungen, die es zu entdecken gilt. Die Auslegung ist niemals abgeschlossen. Jede Generation von Auslegern kann Neues entdecken, das vorherige Generationen noch nicht gesehen haben.

Der Koran enthält viele Texte, die ausgesprochen schwer zu verstehen sind. Ein berühmtes Beispiel ist der Beginn der 79. Sure.

Nach der Übersetzung Friedrich Rückerts (1788–1866) lautet er wie folgt:
1 Bei eueren untertauchenden Entweicherinnen
2 und umschweifenden Schweiferinnen
3 und hinstreifenden Streiferinnen
4 und vorlaufenden Läuferinnen
5 und Gebotbetreiberinnen!

Nach der Übersetzung Rudi Parets (1901–1983) lautet der Text wie folgt:
1 Bei denen, die (beim Schießen der Bogensehne) voll ausziehen (?) (oder: die [den Menschen die Seele] mit Gewalt [aus dem Leib] ziehen [?]; oder [falls nicht Engel, sondern Pferde gemeint sind]: die ungestüm am Zügel zerren),
2 äußerst lebhaft sind
3 und in Windeseile dahinstürmen (?) (wörtlich: [mit allen Vieren] rudern [eigentlich: schwimmen])
4 die (allen anderen) zuvorkommen
5 und eine Sache zu dirigieren wissen (?)!

Was bedeutet das?

Bei beiden Übersetzungen versteht man den Text nicht. Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass Rückert gar nicht erst den Versuch unternimmt, verständlicher zu sein als das arabische Original. Paret hingegen ist der unausgesprochenen Überzeugung, nur eine der vorgeschlagenen Deutungen sei richtig (auch wenn es ihm unmöglich ist, zu entscheiden, welche).

Wie soll man einen solchen Text auslegen? Der Bagdader Rechtsgelehrte al-Māwardī (974–1058) äußert sich zu Vers 79,4 wie folgt:

Zu Vers 4 gibt es fünf Auslegungen:
1) Es sind die Engel gemeint, die den Satanen zuvorkommen, wenn sie den Propheten die Offenbarung Gottes überbringen. Dies sagten Ali und Masruq; al-Hasan meinte, sie kämen ihnen mit dem Glauben zuvor.
2) Es sind die Sterne gemeint, von denen der eine dem anderen vorangeht. Das sagt Qatada.
3) Gemeint ist der Tod, der die Seelen einholt, wie Mudjahid sagt.
4) Gemeint sind die Seelen, von denen eine auf die andere folgt, wenn sie beim Tod den Körper verlassen. Das sagt ar-Rabi.
5) Ata sagt, es handele sich um Pferde.
6) Es ist noch eine sechste Auslegung möglich: die „einander Zuvorkommenden“ sind die Seelen, die vor ihren Körpern ins Paradies oder ins Höllenfeuer gelangen.

Man sieht: Der Gelehrte stellt die verschiedenen Deutungen nebeneinander, ohne zu sagen, welche denn richtig ist. Und er stellt am Ende seine eigene, sechste Deutung hinzu – wiederum ohne zu sagen, dass er Recht hat und die anderen nicht.

Seine Grundannahme ist: Der Text ist vieldeutig – und das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Die Bedeutungsfülle des Korans ist unerschöpflich.

(nach: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, 115–131).

 

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