Wir machen uns zum Komplizen der Täter

(Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ahmad Mansour)

Es ist nur wenige Tage her, und schon ist kaum noch etwas zu hören von diesem Verbrechen: Mehmet Ö. ermordete seine ehemalige Lebensgefährtin Güllü H. (33) und deren Schwester Nurten H. (38) in Berlin-Neukölln. Ob die Tat aus gekränkter „Ehre“ oder aus Eifersucht geschah, wissen wir noch nicht genau. Klar ist aber, dass selbstbewusste Frauen, die starben wie Güllü und Nurten, keine Einzelfälle sind […]. Viele Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund fanden in den letzten Monaten, Jahren, Jahrzehnten unter ähnlichen Umständen den Tod. […]

Jeder einzelne dieser Morde müsste uns als Gesellschaft eigentlich Anlass genug sein, uns ohne Tabus der Ursachenforschung zuzuwenden. Denn die Wahrheit ist schmerzhaft und bitter, sie lautet: Emanzipation und das Streben nach persönlicher Freiheit können für eine muslimische Frau aus einem so genannten traditionellen Umfeld in Deutschland lebensgefährlich sein. Und es sind fast immer ihre eigenen Familien, die die Todesurteile fällen.

Äußert man sich dazu deutlich, etwa als arabischer, in Deutschland lebender Mann wie ich, und weist man auf den Kontext solcher Taten hin, begegnet einem sofort massiver Widerstand. Ein seltsames Phänomen, denn hier wird doch sonst so offen gesprochen. Geht es etwa um eine Massenvergewaltigung in Indien oder sexuelle Übergriffe auf Frauen in Ägypten, darf das Unrecht benannt, die Kritik an einer chauvinistischen Männerkultur ausgesprochen werden, sogar in den Nachrichten. Doch diese Szenarien sind halt, gefühlt, weit weg. Wer angesichts solcher brutalen Morde vor unserer Haustür darüber aufklären will, welche auslösende Rolle der ideologische, patriarchale Hintergrund der beteiligten Familien spielen kann, wird angegriffen. Schon bei der Andeutung eines solchen Zusammenhangs läuft man Gefahr, als „Rassist“ oder „Islamhasser“ gebrandmarkt zu werden. Hier, in einem Land, in dem die Würde des Menschen laut Grundgesetz unantastbar ist, werden täglich Tausende Frauen drangsaliert, geschlagen und in ihrer Freiheit behindert. Und eine auffällig relevante Anzahl dieser Frauen lebt in traditionell geprägten migrantischen Milieus.

Warum darf das nicht benannt und wissenschaftlich erforscht werden? Wird die Debatte weiter verweigert, kostet das weiterhin Frauen in diesen Milieus ihr Leben oder ihre Freiheit. Wir machen uns also mitschuldig, indem wir uns dem Thema verweigern, es verharmlosen oder kulturrelativistisch argumentieren. […]

Welten liegen zwischen den Beziehungstaten in deutschen Familien und den “Ehrverbrechen” in muslimischen Familien. Ein Erwin oder Dieter, der am ersten Weihnachtstag seine Frau ermordet, weil sie sich von ihm trennen wollte, handelt meist allein. Auf Unterstützung aus seiner Familie kann er so wenig zählen wie auf den Beifall aus der Familie der Frau. Auch wird eine deutsche Familie eine geschiedene und alleinstehende Frau heute nicht mehr als gesellschaftliche Bedrohung oder Schande wahrnehmen. Und die Polizei wird während der Ermittlungen nicht auf Anrufe stoßen, in denen Vater oder Bruder den Täter implizit zum Töten anstiften, indem sie ihn auffordern, eine unhaltbare Situation „in Ordnung zu bringen“. Unter deutschen Schülern wird man kaum welche finden, die sich in einer Diskussion über Frauenrechte dazu bekennen, eine solche tragische Tat gutzuheißen oder selber so handeln zu wollen. Zudem würde hier niemand behaupten, dass „die Religion“ den Mord vorschreibe! All diese Argumente höre ich jedoch bei meiner Aufklärungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen regelmäßig von vielen, sehr vielen. […]

Eine unheimliche Front wehrt sich gegen Aufklärung. Darin finden sich, grob gesprochen, linke Realitätsverweigerer, rechte Rassisten, eine gleichgültige Mehrheit und muslimische Verbände wieder. Wenn es darum geht, Zwangsheirat, Gewalt in der Familie und Ehrenmorde zu verurteilen, sind die Moscheen und migrantischen Verbände bereit zur Stellungnahme. Kommt es aber darauf an, direkt die Ursachen zu benennen und zu bekämpfen, also für die Gleichberechtigung der Frauen einzustehen, da schwindet ihre Unterstützung rapide. Denn auf diesem Gelände geht es um mächtige Tabus. Es geht um die eklatante Ungleichheit in der Erziehung von Jungen und Mädchen, die Ablehnung der sexuellen Selbstbestimmung, das Beharren auf rigider Geschlechtertrennung und Vorstellungen von Reinheit und Keuschheit. All diese Positionen wollen die Organisationen und die Mehrheit der Muslime in Deutschland aus ihrer Idee vom Islam leider nicht wegdenken – und daher wird mit „Ehrenmorden“ und Zwangsheiraten, wenn überhaupt, nur die extreme Spitze eines Eisberges sichtbar. Darunter liegt unaufgeklärtes Gelände. […]

Um den Teufelskreis aus Gewalt und Unterdrückung zu durchbrechen, brauchen wir vor allem neue Vorbilder. Wohltuend und hilfreich sind da an erster Stelle Männer aus der Community, die eine andere Geschlechterrolle akzeptieren und, zum Beispiel, ihre „Ehre“ nicht an die Jungfräulichkeit der Schwester oder das Verhalten ihrer Ehefrauen binden. Männer werden gebraucht, die Gewalt ablehnen, ohne die Furcht, dadurch ihre Kraft und Männlichkeit einzubüßen. […] All das will das Projekt „Heroes“, bei dem ich als Gruppenleiter mitarbeite. [… ] Es ist an der Zeit, dass sich unsere Gesellschaft konkret, tabufrei und klar mit dem Thema Geschlechterbilder, Männlichkeit und Frauenrechten unter Muslimen befasst. Sonst bleiben wir ungewollt die Komplizen der Täter.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2013

 

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