Grundsätze jesidischer Ethik

(aus: www.lalish-dialog.de)

Die Sonne, das heiligste Symbol der Êzîden, ist nach êzîdîscher Lehre das sichtbare Zeichen der Existenz Xwedas [Gottes]. Sie wird Șêșims (Sheshims), genannt.

Kaum etwas zeigt so deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Die Sonne scheint für Jeden, egal welcher Nationalität, Religionsangehörigkeit, Hautfarbe oder auf welchem Kontinent man lebt. Die Sonne ist somit ein Symbol der Toleranz und schon alleine deswegen ist sie den Êzîden heilig. Und auch Tiere gelten als Gottesgeschöpfe, die als solche zu behandeln sind.

In einer êzîdîschen Hymne heißt es:

Heftî û du milete – Zweiundsiebzig Völker
Heştî û duhezar xulyaqete – Zweiundachtzigtausend Geschöpfe
Şêşims hemûya mor dikete – Şêşims erleuchtet sie Alle.

Eine Diskriminierung, Diffamierung oder Ähnliches gegenüber Menschen ist den Êzîden daher strengsten untersagt.

Nach esidischer Ethik ist nicht die Religionsange­hörigkeit eines Menschen für dessen Bewertung entscheidend, sondern alleine seine Taten.

Das Esidentum erhebt keinen Alleingültigkeitsan­spruch und macht insofern auch keinen Unterschied zwischen Menschen ver­schiedener Religionen. Alle Menschen werden als gleichberechtige Geschöpfe und als Schöpfungen eines Gottes angesehen.

Einem Menschen zu hel­fen oder mit bloßer Höflich­keit zu begegnen, ist daher eine ur-esidische Tugend. Um Menschen unvorein­genommen begegnen zu können, soll man nicht nach der Religionszugehörigkeit der Person fragen. Ein esi­disches Sprichwort besagt, dass „jede Religion ein Teil der Wahrheit ist“ und auch hier die Religionsangehörig­keit somit keine Rolle spielt.

So heißt es im Qewlê Sheqserî:

Heke tu kesekî bi bînî - Wenn Du jemandem be­gegnest
Xêrekê pêva bi gihînî - So reiche ihm/ihr eine gute Tat
Ne bêjê tu ji kî dînî - Frag nicht danach, welcher Religion er/sie angehört.

(Hayrî Demir; mehr).