Schiiten und Sunniten

Die wichtigsten Gruppen unter den Muslimen sind die Sunniten und die Schiiten.

Ihre Entstehung geht zurück auf die erste Zeit nach dem Tode des Propheten Muhammad (632 u.Z.). Damals stellte sich die Frage, wie es mit dem Islam weitergehen sollte.

Abu Bakr übernahm die Führung der islamischen Gemeinde (umma) als Nachfolger (arab.: Khalifa, eingedeutscht: Kalif). Er regierte von 632–634. Abu Bakr war aus Muhammads Stamm der Koreisch, aber nicht aus Muhammads Linie. Gleiches traf zu für seine beiden Nachfolger Umar (634–644) und Uthman (644–656). Erst der 4. Nachfolger Ali (656–661) war als Vetter und Schwiegersohn des Propheten aus dessen Linie.

Zur Spaltung zwischen den Muslimen kam es nach dem Tode Alis, als Muawiyya das erbliche Kalifat der Umayyaden einführte (660–750). Die Mehrheit der Muslime akzeptierte dieses Kalifat (Sunniten).

Die Partei Alis aber (arabisch: Schiat Ali, daher: Schiiten) stellte sich dem entgegen und proklamierte die erbliche Nachfolge der Söhne Alis (Hasan, gest. 670, Husain, gest. 680). Die Parteigänger Alis bewegten Husain zum bewaffneten Aufstand gegen den Umayyadenkalifen Yazid. Bei diesem Aufstand in Kerbala im heutigen Irak kam Husain ums Leben. Bei den Schiiten wird dieses Ereignis bis heute in Form von Trauerprozessionen gefeiert (Aschura-Tag am 10. Muharram, dem ersten Monat des islamischen Jahres).

Bemerkenswert ist, dass die Schiiten nach dem Tode Husains nicht aufgaben, sondern immer wieder versuchten, ihren Führer (Imam) an die Macht zu bringen. Keiner dieser Imame hat es geschafft, Kalif zu werden.

Die Schiiten stellen somit eine Art Oppositionsbewegung innerhalb des Islam dar. Sie sind oft skeptisch gegenüber der etablierten politischen Macht. An vielen Umstürzen und Revolten waren sie beteiligt. Nicht wenige Sunniten misstrauen ihnen daher und zweifeln an ihrer Loyalität gegenüber dem Staat. Dem entspricht, dass politisch wie religiös Verfolgte nicht selten bei den Schiiten Unterschlupf fanden und von hier aus ihr Gedankengut verbreiten konnten.

Innerhalb der schiitischen Richtung kam es ebenfalls zu Spaltungen. Einige Gruppen erkennen fünf Imame als legitime Imame an (Zaiditen), andere sieben (Ismailiten), wieder andere zwölf (Zwölferschiiten).

Die im Iran im Jahr 1501 an die Macht gekommene Richtung gehört zu den Zwölferschiiten. Sie erwartet die Rückkehr des letzten, im Jahr 873/4 entrückten, d.h. im Verborgenen lebenden Imams als Mahdi (arabisch: „der Rechtgeleitete“). Der Mahdi soll den Endsieg über die Sunniten bringen. Während der großen Abwesenheit dieses Imam liegt die Auslegung der Religion bei den hohen geistlichen Rechtsgelehrten. Sie werden seit einiger Zeit „Zeichen Gottes“ genannt (arabisch: Ayat Allah, persisch: Ayatollah).

Immer wieder wurden die Schiiten von den Sunniten bekämpft. Teilweise wurde das militärische Vorgehen gegen sie sogar als Dschihad deklariert (arabisch: Anstrengung auf dem Wege Gottes, oft als „Heiliger Krieg“ bezeichnet).

(Quelle: P. Antes/W. Reinbold, Religionen in Niedersachsen, in: Religramme – Gesichter der Religionen. Eine interaktive Wanderausstellung, herausgegeben vom Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Hannover 2016, 84–86)