Zum Umgang mit der Gülen-Bewegung

Günter Seufert, Wie umgehen mit der Gülen-Bewegung?

Alle Überlegungen zum Umgang mit der Bewegung müssen von der Anerkennung einiger grundlegender politischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ausgehen.

Dazu gehört erstens die Feststellung, dass jede Positionierung von Entscheidungsträgern in Deutschland der Bewegung gegenüber deren weitere Entwicklung hier beeinflussen und mitgestalten wird. Je ausgeprägter Abwehrhaltungen und je geringer Kooperationsangebote sind, desto eher werden innerhalb der Bewegung die zentralen Lenkungs- und Leitungsmechanismen gestärkt.

Zweitens sollte man sich in Erinnerung rufen, dass legitimerweise alle islamischen Organisationen, Gemeinden und Strömungen in Deutschland Rekrutierung betreiben und die deutsche Gesellschaft ein Interesse daran haben muss, dass die junge muslimische Generation nicht in radikale oder gar gewaltbereite, sondern in politisch gemäßigte Bahnen gelenkt wird.

Drittens spricht alles für die Annahme, dass die Bewegung in der Diaspora – anders als in der Türkei – kein signifikanter politischer Faktor ist und werden kann. Eine »Gefahr« könnte die Gülen-Bewegung in Europa, wenn überhaupt, nur für einzelne ihrer Mitglieder sein, und zwar dann, wenn diese sich autoritären Strukturen überantworten. Von einem direkten Zwang, gegen seinen Willen in diesen Strukturen zu verbleiben, ist indes bisher nichts bekanntgeworden.

Viertens gilt es erneut zu unterstreichen, dass die nach außen gerichteten zivilgesell-schaftlichen Aktivitäten der Bewegung in Deutschland, ihr Engagement im Bereich der Bildung und des interreligiösen bzw. interkulturellen Dialogs, objektiv der Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft dienen. Es wäre abwegig, dem Teil der Muslime in Deutschland, die – und sei es aus religiöser Motivation – Integrationsarbeit betreiben und selbst auf den gesellschaftlichen Aufstieg in Deutschland orientiert sind, die Zusammenarbeit zu verweigern. […]

Entscheidungsträger und Institutionen in Deutschland sollten deshalb für die Zusammenarbeit mit Initiativen der Gülen-Bewegung in der Regel offen sein. Gleichzeitig jedoch sollten sie bei jeder Kooperation auf innerorganisatorische und finanzielle Transparenz drängen und darauf hinwirken, dass Entscheidungen auf demokratischem Wege zustande kommen. In der Auseinandersetzung um Inhalte muss die eigene Position klar vertreten werden. Gleichwohl aber sollte eine prinzipielle Achtung von Religiosität auch in den Fällen sichtbar werden, in denen die Tiefe dieser Religiosität in der stark säkularisierten deutschen Gesellschaft möglicherweise befremdlich wirkt.

Günter Seufert, Stiftung Wissenschaft und Politik, 2013 (mehr).