Der Islam gehört nicht zu Europa

(aus: Ulrich Greiner, Die ZEIT, 8. Februar 2015)

Nachdem die Islamkritik lange Zeit mit dem Vorwurf der „Islamophobie“ belegt wurde, scheint sie neuerdings in Maßen erlaubt. Kurz nach dem Massaker in Paris hatte der Bundesinnenminister behauptet, der Terror habe mit dem Islam nichts zu tun. Eine Woche später, in einem Interview mit der FAZ, war die Kanzlerin etwas vorsichtiger: „Die Menschen fragen, wie man dem so oft gehörten Satz noch folgen kann, dass Mörder, die sich für ihre Taten auf den Islam berufen, nichts mit dem Islam zu tun haben sollen.“ Gleichwohl wiederholte sie die These des seinerzeitigen Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland – eine unglückliche Formulierung insofern, als die Deutschen muslimischen Glaubens selbstverständlich „zu Deutschland gehören“, der Islam jedoch als eine Religion, die nicht zwischen öffentlichem Recht und privatem Glauben unterscheidet, sicherlich nicht, jedenfalls noch nicht. […]

Der alte Konflikt der beiden Kulturen [Christentum und Islam], der jetzt zu neuer Glut entfacht worden ist, erregt zwei entgegengesetzte Reaktionen.

Die eine neigt zum freundlichen Verstehen muslimischer Empfindlichkeiten und zu reumütiger Selbstkritik – nennen wir sie Kulturrelativismus. Die andere neigt zu einer offensiven Kritik des Islams und zur Verteidigung abendländischer Errungenschaften – nennen wir sie Kulturkonservatismus.

Die Kulturrelativisten folgen einer vereinfachten Version der Lessingschen Ringparabel: Die Sonne der Aufklärung strahlt in der Mitte, und die Trabanten der monotheistischen Religionen umkreisen sie in ähnlichem Abstand. Dass der Islam von dieser Sonne etwas weiter entfernt ist, führt zu der Forderung, er möge die Aufklärung nachholen. Unausgesprochen verbirgt sich dahinter der Gedanke, ein aufgeklärter Islam würde ähnlich weich und kompatibel werden wie die in ihre Bequemlichkeit verliebten deutschen Christen, die den Kern der Botschaft ihren Bedürfnissen angepasst haben.

Nun kann auch der Kulturrelativist die hässlichen Seiten des Islams nicht leugnen, und deshalb beeilt er sich, sobald er auf sie zu sprechen kommt, die hässlichen des Christentums hervorzuheben, dergestalt, als wollte man jemanden, der über seinen grippalen Infekt klagt, damit trösten, dass man von dem eigenen, erst unlängst überstandenen berichtet. Die brutalen islamischen Eroberungskriege, die keinen Ungläubigen am Leben ließen – waren die Kreuzzüge nicht ebenso brutal? Der intellektuelle und wissenschaftliche Rückstand des Islams – verdankt die abendländische Kultur ihre Entstehung nicht auch jenen Muslimen, die das griechische Denken ins verkümmerte Europa überliefert haben? Der Terror der Islamisten – erlebten die Christen in Zeiten der Inquisition nicht ähnlich Furchtbares?

Kaum eines dieser Fantasmen hält strenger Überprüfung stand. Sie bestätigen allerdings die größte Tugend abendländischer Kultur: ihre Fähigkeit zur Selbstkritik, ihre leidenschaftliche Zerknirschungslust im Namen einer universalistischen Idee. […]

Für die Kulturrelativisten ist der Islam ein ähnliches Übel wie das Christentum. Dieses kennen sie, jenen kaum. Deshalb schien ihnen eine Weile lang die muslimische Einwanderung nach Westeuropa als belebendes, die hiesigen Verhältnisse angenehm aufmischendes Element. Multikulturelle Welt! Endlich Schluss mit dem dumpfen Teutonentum! Dass dies ein Irrtum war, dringt allmählich sogar in die Köpfe der Ideologen. Immer mehr zeigt der Islam jene kriegerische Seite, die von Beginn an eines seiner Merkmale war. Das Schreckensbild einer „Islamisierung“ mag zwar für Dresden absurd erscheinen, doch jede Tagesschau zeigt, dass es sie gibt.

Der Kulturkonservative nun würde seine Position wie folgt zusammenfassen: Die Karikaturen von Charlie Hebdo sind keine Meisterleistung der Zeichenkunst, und wenn die wahrhaft dummen Islamisten nicht darauf aufmerksam gemacht hätten, wären sie so unbekannt geblieben wie zuvor. Im Augenblick des Terrors jedoch müssen und wollen wir auf der Seite der Meinungsfreiheit stehen. Der Kulturkonservative würde allerdings zu bedenken geben, dass in jeder Religion das Heilige höchsten Rang hat. Es verdient unser aller Achtung. Wenn jemand diese Achtung nicht aufbringen kann, so ist das zuallererst sein eigenes Problem.

Der Versuch, die Krise dadurch zu entschärfen, dass man Blasphemien verbietet, führt auch deshalb nicht weiter, weil Islamisten jeder Vorwand recht ist, die Idee allgemeiner Menschenrechte zu torpedieren. Appeasement ist zum Scheitern verurteilt. Entweder wir berufen uns auf unser Herkommen, unsere Tradition (die, ob man will oder nicht, abendländisch ist, also christlich geprägt), oder wir folgen einem Kulturrelativismus, dessen einziges Credo jenes gesinnungslose Anpassungsdenken ist, das uns der global agierende Kapitalismus nahelegt. Es wird uns nicht retten.

Der Gedanke, die monotheistischen Religionen seien einander im Wesentlichen ähnlich, es empfehle sich also, von beiden Missgeburten Abstand zu halten, führt in die Irre. Es ist kein geringer Unterschied, dass die eine Religion von einem kriegsführenden Feldherrn gegründet wurde und die andere von einem gekreuzigten Wanderprediger; dass die eine Religion an eine Theokratie glaubt und die andere an die zwei Reiche: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Matthäus 22)

Benedikt XVI. hat in seiner Regensburger Rede (2006) auf den engen Zusammenhang von griechischer Philosophie und christlichem Glauben aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, „dass das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat. Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.“

Vielleicht wird der Islam eines Tages wirklich zu Europa gehören. Wissen kann man das nicht und wünschen auch nicht.